Reportage

AG Migrantenmedizin

Mit kranken Flüchtlingen zum Arzt

Janina Käse ist eine von rund 25 angehenden Ärztinnen und Ärzten, die sich ehrenamtlich um Menschen wie Fadi kümmern. Sie trifft ihn in der Regensburger Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber, nachdem er bei der Flüchtlingsberatung der Caritas Regensburg um Hilfe gebeten hatte. Die 25-jährige hat einen Dolmetscher dabei und bespricht mit Fadi seine Krankheitsgeschichte. "Ich bin über einen Bericht im Radio auf die medizinisch schwierige Situation von Flüchtlingen in Deutschland aufmerksam geworden", erzählt Janina Käse vom Auslöser Ihres Engagements. Sie entschloss sich aktiv zu werden und gründete im Jahr 2009 mit sechs Kommilitonen die AG Migrantenmedizin.

Viele Flüchtlinge haben gesundheitliche Probleme

Junger AusländerEin Besuch beim Arzt ist für Flüchtlinge oft nicht einfach.KNA

Veronika Zimmerer von der Caritas-Flüchtlingsberatung ist froh über diese Entwicklung, denn "medizinische Probleme sind ein großes Thema. Schwierige Lebensumstände, traumatische Erlebnisse vor oder während der Flucht und eine schlechte Ernährung im Heimatland sind mit verantwortlich für den schlechten Gesundheitszustand vieler Flüchtlinge." Die Kooperation mit der ehrenamtlich agierenden AG Migrantenmedizin stelle eine große Unterstützung in der Betreuung der Flüchtlinge dar: "Wir übergeben komplexe Fälle mit großem Hilfebedarf zur Koordination an die AG."

Die Koordination ist auch für die Medizinstudenten der AG sehr aufwändig. "Da sind die Wartezeiten beim Arzt und wir müssen einen Dolmetscher finden. Zuvor müssen wir noch zum Sozialamt wegen des Krankenscheins und dann müssen alle zum vereinbarten Arzttermin Zeit haben", erklärt Janina Käse.

Zugang zu Behandlungen trotz sprachlicher Barrieren

Bevor sie Menschen wie Fadi zum Arzt begleitet, besucht sie die Klienten, um ihre Krankengeschichte einordnen zu können. "Wir verschaffen uns einen Überblick über die häusliche Situation, sichten alle Unterlagen von bisherigen Arztbesuchen und klären die Diagnostik ab", erzählt die Studentin von den Hausbesuchen. Die Ärzte reagieren ihrer Erfahrung nach sehr positiv, wenn ein Patient in Begleitung eines AG-Mitglieds und eines Dolmetschers in der Praxis erscheint. "Mancher Arzt versteht da zum ersten Mal, was der Patient die ganze Zeit über wollte."

Sprachbarrieren überwinden, Papierkram erledigen und den Flüchtlingen ein Navigator im Dschungel des deutschen Facharzt-Systems zu sein – all das leistet die AG Migrantenmedizin. Mit Flyern oder Benefizkonzerten macht sie auf ihr Engagement aufmerksam und sucht so neue Ehrenamtliche. Das können nur Medizinstudenten sein, die sich bereits im klinischen Abschnitt ihrer Ausbildung befinden (ab dem 5. Semester). Das ebenfalls ehrenamtliche Dolmetscher-Netzwerk ist offen für Studenten aller Fachrichtungen.

Flüchtlinge erfahren Menschlichkeit in Deutschland

"Bei den Patienten, die wir betreuen, haben wir definitiv Positives bewirkt. Aber es gäbe noch so viel Bedarf", sagt die 25-Jährige. Zum Beispiel eine psychotherapeutische Behandlung der Asylsuchenden. Die erhalten sie nur, wenn die Behörden ihren Ermessensspielraum nutzen, denn Paragraf vier des Asylbewerberleistungsgesetzes schränkt die medizinischen Leistungen auf akute Erkrankungen und Schmerzzustände ein.

Für Menschen wie Fadi ist der Einsatz der Studenten unbezahlbar. Schließlich geht es um ihre Gesundheit. Die 20 in der AG Aktiven können eine Abschiebung der Betroffenen letztendlich nicht verhindern. Diese Bedrohung bleibt den Betroffenen. Aber zumindest haben Menschen wie Fadi dann erfahren, dass es in Deutschland nicht nur Bürokratie gibt, sondern auch Menschen, die direkt und unmittelbar helfen. 

Am 23. November 2011 wurde die AG Migrantenmedizin mit dem innovatio Preis ausgezeichnet.